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Korfanty vs. Ulitzka - aus Liebe zu Oberschlesien 

Am 21.04.2021 fand im Rahmen von Podium Silesia eine Diskussionsrunde mit Dr. Guido Hitze, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung NRW, Autor von Carl Ulitzka (1873–1953) oder Oberschlesien zwischen den Weltkriegen und Dr. Mirosław Węcki, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Schlesischen Universität und am Institut für Nationales Gedenken in Katowice/Kattowitz, Mitautor von: Wojciech Korfanty 1873–1939 statt. Die Moderation führte Dr. David Skrabania, Kulturreferent für Oberschlesien beim Oberschlesischen Landesmuseum in Ratingen.

Zum Einstieg wurde die Biografie der beiden Protagonisten der Diskussion beleuchtet. Carl Ulitzka (1873-1953) wuchs in einer überzeugten katholischen Familie in ländlichen Verhältnissen in Ratibor auf. Bereits während seiner Gymnasialzeit wollte er Geistlicher werden. So trat er sein Theologiestudium in Graz an. Nach seiner Tätigkeit als Pfarradministrator in Bernau bei Berlin, wurde er Kaplan im evangelischen Kreis in Kreuzburg, wo er die Diaspora miterlebte. 1910 kehrte er nach Ratibor zurück und wurde dort Pfarrherr und Mitglied der Zentrumspartei. Er hatte Einfluss auf die Aufstellung der Reichskanzlerkandidaten. 1918 forcierte er eine Spaltung vom Zentrum und gründete die Katholische Volkspartei. In seiner Position wollte er die Autonomie Oberschlesiens bewirken.

Wojciech Korfanty (1873-1939) stammte aus der Arbeiterklasse. Als er Gymnasialschüler war, wurde in ihm die polnische Identität geweckt, weswegen er sich bald polnischen Kreisen anschloss und dadurch nicht zum Abitur zugelassen wurde. Er erlebte direkt deutsch-polnische Gegensätze in seiner Heimatregion.


Korfantys pro-polnische Aktivitäten wurden während seines Studiums in Breslau in Kreisen um Roman Dmowski fortgesetzt. Die Zentrumspartei galt als Gegner der polnisch-sprachigen Leute. Dabei sprach sich Korfanty nicht nur für seine Region, sondern für die gesamte polnisch-sprachige Bevölkerung Preußens aus. 1919-1921, als der Abstimmungskampf in vollen Gängen war, wandte er sich erfolgreich an die Franzosen, um Ulitzka die Akkreditierung zu verweigern und stattdessen Kurt Urbanek zum Plebiszitkomissar zu ernennen, der weitaus weniger Charisma besaß als Ulitzka. Der Hauptaspekt Korfantys Plebiszitpropaganda waren die deutschen Reparationszahlungen, von welchen Oberschlesien verschont bleiben sollte. Ulitzka wiederum versprach den Oberschlesiern kulturelle Autonomie, soz. Aufstieg und Mehrsprachigkeit. Dies war weitaus mehr als die Reichsregierung vorsah.

Die Frage nach Korfantys Beteiligung am 3. Schlesischen Aufstand ist eine Frage, die bis heute nicht einfach zu beantworten ist. Er gilt zwar als eine Symbolfigur des Ereignisses, jedoch hatte er politisch nicht die Befehlsmacht, dieses alleine zu verwirklichen. Der eigentliche Strippenzieher muss also die polnische Regierung gewesen sein.

Interessant war der Einschub Dr. Hitzes bezüglich einer persönlichen Begegnung zwischen Korfanty und Ulitzka. 1920 fand diese in einer Kirche in Gleiwitz statt, wo Ulitzka ohne Berlins Beteiligung ein Friedensabkommen vorschlug. Im Nachhinein verkauften die Franzosen dies als ihre Errungenschaft.

Der 3. Schlesische Aufstand verdeutlichte auch Uneinigkeit unter den Siegesmächten. Während Henri Le Rond als pro-polnisch gesinnt höchstwahrscheinlich zum Ausbruch des blutigen Kampfes um Annaberg eine Rolle spielte, öffneten daraufhin Italien und Großbritannien die Grenzen und ließen die deutschen Freikorps einmarschieren, die hauptsächlich aus Soldaten aus dem Kaiserreich bestanden.

Nach Oberschlesiens Teilung genossen sowohl Ulitzka, als auch Korfanty ein hohes Ansehen, was jedoch schon bald kippte. Die NSDAP sah Ulitzka als zu polenfreundlich an. Da er u.a. Gottesdienste auch in polnischer Sprache abhielt, wurde er schließlich im KZ-Dachau interniert. Tatsächlich vermutete die NSDAP eine unmittelbare Verbindung zwischen ihm und dem Stauffenberg-Attentat auf Adolf Hitler im Jahr 1944. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Ulitzka entlassen und kehrte zurück nach Ratibor. Mit der neuen Grenzziehung war sein Leben bedroht, weswegen Ulitzka nach Berlin floh, wo er einige Jahre später verstarb. Korfanty galt nach dem Maiumsturz 1926 mit der Machtübernahme durch die polnische Senecja-Partei als verhasst. Seine Chance auf den Posten des Premierministers war bereits 1922 vom späteren polnischen Staatsoberhaupt Józef Piłsudski unterbunden worden. 1930 wurde er unter Anschuldigung angeblicher krimineller Machenschaften in Brest interniert. Nach zwei Monaten wurde er ausgemagert entlassen. Um einer erneuten Internierung zu entgehen, ging er ins Exil in die Tschechoslovakei. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht floh er nach Paris. Besorgt um Polen nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, kam er schließlich aus eigenem Willen nach Kattowitz, wo er erneut verhaftet wurde. In der Zeit kamen schwere gesundheitliche Probleme auf. Kurz nach seiner Freilassung starb er, was bis heute Fragen aufwirft.


Die Diskussion gab die Möglichkeit, in die damaligen Ereignisse und in die Persönlichkeiten Ulitzkas und Korfantys einzutauchen. Insbesondere die letzte halbe Stunde, die die Ereignisse nach 1922 thematisierte, war besonders spannend.

Die gesamte Diskussion können sie sich hier anschauen:



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